Montag, 13. Juni 2016

Unabhängigkeit der Zentralbanken steht in Frage

Der Glaube an die Fähigkeit der Zentralbanken, das Wirtschaftswachstum zu fördern und die Inflation anzuregen, lässt nach. Die Investoren, die das Vertrauen verlieren, kaufen vermehrt Staatsanleihen, wie Bloomberg meldet.

Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit ist am Ende der Woche bis auf nahezu 0% gefallen: 0,02%. Die Nachfrage nach Optionen, Bund Futures zu kaufen ist mittlerweile auf den höchsten Wert seit zwei Monaten gestiegen.

Und auch die US-Treasury Bonds sind wieder ganz in Mode, v.a. wenn man bedenkt, dass der Wert der Staatsanleihen weltweit gegenwärtig auf 8'000 Mrd. USD hoch geklettert ist.

Die Staatsanleihen präsentieren zum Jahresstart so weit die beste Performance seit mindestens 1997. Gemessen am Bank of America Merrill Lynch Global Bonds Market Index beträgt der Ertrag 4,6%.



Die Rendite der deutschen Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: Bloomberg


Die auf Futures basierende Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung durch die Fed nächste Woche ist inzwischen von 22% (am 2. Juni) auf 0% gesunken.



Die Rendite der Staatsanleihen im freien Fall, Grossbritannien, Deutschland und Japan, Graph: Bloomberg

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Inflation voraussichtlich noch lange Zeit unter dem Zielwert der Zentralbank verweilt, während die Wirtschaft sich weiterhin schwach entwickelt.

Die Fed soll nächste Woche auf ihrer geldpolitischen Sitzung endlich das Thema anpacken, um die Misere zu beenden, schreibt Narayana Kocherlakota in seiner Kolumne in BloombergView.

Die Fed könnte mitteilen, dass sie die Verzinsung der überschüssigen Reserven der Geschäftsbanken unverändert bei Null Prozent beibehält, bis das Inflationsziel erreicht ist. Und die amerikanische Notenbank könnte darüber hinaus ankündigen, die überschüssigen Reserven mit einem Negativ-Zins zu belegen, um den Prozess zu beschleunigen, so der ehemalige Fed-Präsident von Minneapolis.



Die Rendite der US-Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit, Graph: Bloomberg

Bemerkenswert ist in diesem Kontext, dass die anhaltenden Niedrig-Zinsen zeigen, wie asymmetrisch die Geldpolitik der modernen Zentralbanken gestaltet ist. Schiesst die Inflationsrate über den Zielwert hinaus, reagieren die Notenbanken meist rasch und umfassend. Wenn der Zielwert aber unterboten wird, verhalten sie sich oft zögerlich.

Es erstaunt vor diesem Hintergrund nicht, dass die Unabhängigkeit der Notenbanken in Frage gestellt wird.

Hinter dem Konzept der unabhängigen Zentralbanken steht die Theorie der „Neutralität des Geldes“. Und das ist nichts anderes als eine Fiktion. Wie der Verlauf der Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantiks (zumindest) seit dem Ausbruch der Finanzkrise nahelegt, gibt es keinen engen Zusammenhang zwischen der Geldmenge und der Inflationsrate. Die Geldpolitik ist nicht neutral. Insbesondere bedarf es in einer Depression einer Kooperation mit anderen öffentlichen Instituten, wie Heiner Flassbeck in seinem Blog schildert.

Mit dem Ende des Monetarismus muss auch die Unabhängigkeit der Notenbanken auf den Prüfstand gestellt werden, so der ehemalige Chefökonom der UNCTAD, der UNO-Organisation mit Sitz in Genf.

Viele Wirtschaftsmodelle haben heute grosse Schwierigkeiten, mit der Realität zurechtzukommen. Und wie es in der Praxis aussieht, zeigt Noah Smith in seiner lesenswerten Kolumne in BloombergView auf.


Die Rendite der Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit im Vergleich, Graph: FT


Justin Wolfers nimmt währenddessen kein Blatt vor den Mund und erklärt DSGE-Modelle als unbrauchbar.

John Quiggin hatte in seinem vor rund 6 Jahren erschienenen BuchZombie Economics“ auf das Versagen der vorherrschenden Theorien (EMH, DSGE usw.) hingedeutet.


Die durchschnittliche Rendite der deutschen Staatsanleihen, Graph: FT

Wenn Unternehmen auf die Krise mit Lohnkürzungen reagieren, leidet die Binnennachfrage, weil der inländische Konsum abgewürgt wird. Und wenn Löhne fallen, steigt die Arbeitslosigkeit.

Die Unternehmen handeln einzelwirtschaftlich. Das ist aus ihrer Sicht in Ordnung. Da aber die Ausgaben des einen die Einnahmen des anderen sind, ist das einzelwirtschaftliche Denken für die Gesamtheit falsch. Deswegen bedarf es einer staatlichen Investitionspolitik, um für die Gesamtwirtschaft zu sorgen.



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