Freitag, 24. März 2017

Der neutrale Zins und die Geldpolitik im Euroraum

Neel Kashkari, Minneapolis Fed-Präsident hat neulich in seinem Blog unterstrichen, dass der Gleichgewichtszins für die US-Wirtschaft heute auf null liegt oder sogar vielleicht etwas negativ ist.

Der natürliche Zinssatz (equilibrium real interest rate) ist der theoretische Realzins, wo die Inflation weder steigt noch fällt und die Wirtschaft Vollbeschäftigung hat.

Es handelt sich dabei um einen Orientierungswert (benchmark), um zu beurteilen, ob die Geldpolitik akkommodierend oder restriktiv ist.

Der Gleichgewichtszins kann nicht beobachtet werden; er muss geschätzt werden. Eine aktuelle Schätzung der Banque de France legt nahe, dass der natürliche Zins im Euroraum seit 2009 nahe null liegt oder sogar negativ ist.

Tatsache ist, dass die konventionelle Geldpolitik Mühe hat, während die nominalen Zinsen nahe Null-Grenze (zero lower bound) liegen und die Inflationserwartungen moderat sind, die Inflation in Richtung Zielwert steigen zu lassen.


Der neutrale Zins für den Euroraum liegt seit 2009 nahe null oder negative, Graph: Banque de France

Donnerstag, 23. März 2017

Verschuldung, Inflationsziel und Finanzierungssalden


Im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung war die globale Krise von 2008 (abgesehen vom Fall Griechenland) nicht durch Staatsverschuldung ausgelöst.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die Staatsverschuldung heute höher liegt als vor der Krise. Aufgrund der niedrigen Zinsen stellt dies aber zumindest kurzfristig kein Problem dar. 

Die Finanzierung der Staatsschulden war in der Geschichte noch nie so günstig wie heute. Die anhaltenden Niedrigzinsen deuten aber darauf hin, dass private Haushalte und Unternehmen derzeit nicht gewillt sind, Kredit aufzunehmen.

Ein Grund mag sein, dass der Privatsektor mit dem Schuldenabbau (deleveraging) beschäftigt ist. Das würde bedeuten, dass die Wachstumsschwäche noch länger anhält, bis zumindest der Schuldenberg abgetragen ist. Das ist die Erklärung der sog. „debt-overhang“-Hypothese.


Die gegenwärtige Inflation im Vergleich zum Zielwert der jeweiligen Notenbanken, Graph: Morgan Stanley

Mittwoch, 22. März 2017

Interview: Prof. Jonathan Portes, King’s College London

Jonathan Portes is Professor of Economics and Public Policy at the King’s College London


Prior to EU’s 60th anniversary of its founding (Treaty of Rome, March 25th, 1957), London did trigger Brexit process invoking Art 50. Is UK opening Pandora’s box?

It’s not the beginning of the end (of Brexit) – it’s but definitely the end of the beginning. Despite the fixation in the UK on the precise date and the legal niceties of the Article 50 process, the most important event of the weeks to come will not be the notification itself but the EU response to it; and the political and economic dynamics that that sets into motion.

If things go according to plan, we're headed for the usual EU negotiating scenario: long interludes of tedium and small print, interspersed with episodes of late-night brinkmanship, ending eventually in a compromise no-one likes, but everyone will describe as a victory.

But if politics - either here or on the continent - derails the process, we could soon find that far from "taking back control", we have done precisely the opposite.  The consequences for the EU would be very damaging; for the UK they could be disastrous.

However, the fears (or hopes in some quarters) that Brexit will lead to the disintegration of the EU seem overblown.  If anything, the prospect of Brexit seems to have given an impetus to EU politicians to unite, and made electorates in the rest of Europe more nervous about electing anti-EU populists.

Dienstag, 21. März 2017

Negativzinsen und Banken

Die EZB hat im Juni 2014 den sog. Einlagensatz für Zinsen von 0 auf minus 0,10% gesenkt.

Der Zinssatz wurde im Verlauf der Zeit weiter gesenkt. Heute beläuft sich der Satz für Deposit Facility auf minus 0,40%.

Die SNB hat im Dezember 2014 Negativzinsen eingeführt: -0,25%. Guthaben auf Girokonten der Banken werden mittlerweile mit einem Zins in Höhe von minus 0,75% belastet.

Doch die Retailbankkunden sind bisher vor Negativzinsen verschont geblieben. Negativzinsen sind aber umstritten. Die Banken fürchten seither Konsequenzen. Belastung von Rentabilität ist die Rede. 

Sind Spargelder in Gefahr, lautet eine der am häufigsten aufgeworfenen Fragen. 

Wichtig ist jedoch aus Sicht der Sparer, nicht nur auf die nominalen, sondern auf die realen Zinsen (d.h. um die Inflation bereinigt) zu achten. 

Der Realertrag auf dem Sparkonto ist heute z.B. in Deutschland seit Ende 2013 positiv.


Rückgang der Margen im Einlagengeschäft, Graph: Credit Suisse Research, March 20, 2017.

Interview: Prof. Paul De Grauwe, London School of Economics

Paul De Grauwe is Professor at the London School of Economics


The EU will celebrate on March 25th the 60th anniversary of its founding (Treaty of Rome, 1957), while its future is in doubt. What went wrong?

First of all, the European Union is still to be called a success. It created the basis for peace and material welfare in Europe. This being said there are major problems. The most important one is that the benefits of the European integration have been shared in a very unequal way. Many have profited a great deal. But too many have not. Driven by notions of competitiveness and growth the European Union has neglected social policies aimed at integrating the losers of the European integration. This is a similar story as the globalization story.

In your recently published book, you tackle the old discussion of “Market vs. State” and you talk about a “great shift in the power of national governments relative to the financial markets”. Is the supremacy of the markets (neoliberal economic policy) Europe’s main predicament?

It is indeed a big problem. The problem is most acute in the Eurozone where national governments have lost most of their capacity to stabilize their economies from the booms and busts that are endemic in capitalism. Instead financial markets dictate the extent to which governments use fiscal policies to stabilize their economies. If nothing is done about this, many people will reject the system.

Sonntag, 19. März 2017

50 Ideas You Really Need to Know

Buchbesprechung

Jonathan Portes: 50 Ideas You Really Need to Know: Capitalism, Quercus Books, UK, 2017.

Es ist schwer, Kapitalismus zu verstehen, ohne Ahnung von der Wirtschaft zu haben. 

Man braucht dazu sicherlich auch Kenntnisse über die Geschichte, Politik, Soziologie und Kultur.

Was heute bemerkenswert ist, dass der Kapitalismus seit der Great Recession in einer fatalen Krise steckt. Das vorliegende Buch kommt also zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt.

Jonathan Portes überreicht ein praktisches Nachschlagewerk, wo die jahrhundertalte Diskussion „Staat vs. Markt“ in der öffentlichen Diskussion wieder im Zentrum steht.

Der Kapitalismus gestaltet schliesslich die Gesellschaft und unser Leben. 

Während die Überbrückung der Differenzen zwischen der individuellen und der kollektiven Rationalität die grösste Herausforderung der öffentlichen Hand bleibt, springen heute Ungleichheit und Armut in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften ins Auge, die den sozialen Zusammenhalt bedrohen und die Demokratie untergraben.

Der Wirtschaftsprofessor an der King’s College London zeigt vor diesem Hintergrund die Stärken und Schwächen der kapitalistischen Marktordnung auf und präsentiert in je vier kompakten Seiten 50 Rubriken geteilt in 6 Hauptbereiche wie  Grundbegriffe, Institutionen des Kapitalismus (Unternehmen, Banken, Notenbanken usw), Finanzmärkte, politische Ökonomie, Gesellschaft & Kultur, was Kapitalismus für die Zukunft der Arbeit und die Umwelt bedeutet und ob es eine Alternative gibt.

Samstag, 18. März 2017

Standardindikatoren und Inflation

Die US-Notenbank hat am Mittwoch die Zinsen um 0,25% erhöht. Der Leitzins liegt nun in einer Spannbreite von 0,75% und 1,0%. 

Das ist mittlerweile die dritte Zinserhöhung nach der Great Recession von 2008.

Janet Yellen, die Fed-Präsidentin hat gemäss der Median-Prognosen angedeutet, dass es in diesem Jahr insgesamt drei Zinserhöhungen geben wird.

Die Fed Funds Futures Märkte veranschlagen nun eine Wahrscheinlichkeit von 18,9% (zurück von 24,5% vor dem aktuellen Zinsentscheid der Fed) für eine Zinserhöhung von vier oder mehr in diesem Jahr.

Was macht die EZB?

In den Medien war vergangene Woche zu lesen, dass einige Mitglieder des EZB-Rats die Möglichkeit von Zinsanhebungen schon vor Beendigung des Anleihekauf-Programms nicht ausschliessen.

Die angedeutete Diskussion hat die Erwartungen im Markt so angeregt, dass die Händler jetzt eine Zinserhöhung um 12 Basispunkte (vorher 7 Basispunkte) per April 2018 einpreisen.


Wann kommt die erste Zinserhöhung um 0,25% durch die EZB? Graph: Morgan Stanley